"Ich bin einer der wenigen Münchner Pfarrer in München"

Globaku:
Apropos Kontakt: Stimmt es, daß Sie auf dem Oktoberfest in einem Bierzelt bedienen?

Pfarrer Schießler:
Ja, warum nicht? Das sind alles ehrenwerte Leute da, warum soll ich da nicht arbeiten? Für mich ist da auch Kirche.

Globaku:
Sie sprechen ein deutliches Bayrisch. Wo sind Sie geboren?

Pfarrer Schießler:
In Laim. Ich bin einer der wenigen Münchner Pfarrer in München.

Globaku:
Sie haben auch den Ruf, gut mit Jugendlichen umgehen zu können.

Pfarrer Schießler:
Ja. Wenn Du mit Jugendlichen zusammen bist, mußt Du ihre Sprache sprechen. Das hat Gewicht, weil Du dann an ihrer Wirklichkeit teilnimmst. Deshalb muß ich nicht den Hip Hop kennen. Dafür verstehen die nichts von meiner Klassik. Jugendliche wollen nichts mit abgehobenen Alten zu tun haben. Und wenn es um den Glauben geht, dann kann ich den Jugendlichen nicht sagen, daß die Kommunion die Realpräsenz Jesu Christi ist. Sondern ich muß ihnen sagen, daß jeder, ohne Ausnahme eingeladen ist am Tisch Christi. Jeder ist geladen…

Globaku:
Für manche Menschen erscheint eine Gemeinde wie ein homogener Verein zu sein, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben.

Pfarrer Schießler:
Nicht bei mir! Nicht bei mir.
Wir sind kein Verein, der Barmherzigkeit predigt und sie dann nicht ausübt. Bei mir wechselt niemand die Reihe, wenn ein Schwuler die Kommunion austeilt. Nicht bei mir. Dafür lege ich zehmal meine Hand ins Feuer. Und – meine Kirche ist voll.
Und außerdem: Sie haben ja eine Internet-Zeitung. Da kann man als Leser anonym bleiben. Wir haben auch eine online. Was meinen Sie, wie viele Kircheneintritte ich da habe, weil es anonym ist! Wenn die Menschen schon anonym austreten können, warum sollen sie nicht auch anonym eintreten können?

Globaku:
Sie haben ja auch eine starke Medienpräsenz….

Pfarrer Schießler:
Richtig. Das ist keine Angabe oder Eitelkeit, sondern das ist für mich ein verlängerter Kirchenraum. So kann ich Kirche transportieren. Kirche kann man nicht ändern durch Austreten. Sondern nur durch Auftreten. Man geht nicht in die Kirche, weil man hingehen muß, sondern weil man Kirche real erlebt.Und das ist ein großer Unterschied.

Globaku:
Sie sprechen von Kritik?

Pfarrer Schießler:
Ja. Ich bin ja sehr liberal. Mit Kritik setze ich mich auseinander. Und ich teile auch aus. Aber wer austeilt, muß auch einstecken können. Ich hab schon mal was gesagt, was ich besser nicht gesagt hätte. Da hab ich mich schriftlich entschuldigt. Das gehört auch dazu. Dafür wurde ich sehr gelobt. Aber das ist selbstverständlich und nicht lobenswert. Sie sehen, ich teile schon wieder aus.

Globaku:
Wie groß ist eigentlich ihre Gemeinde?

Pfarrer Schießler:
40.000. So viel wie der Schottenhamel -mit einem m.- Plätze auf der Wies´n hat. Das ist mir neulich erst gekommen: Meine Gemeinde hat Platz in einem Biergarten! Die Alterszusammensetzung ist zu zwei Drittel zwischen 25 und 45 Jahren. Sonntags ist die Kirche voll - vor allem mit jungen Leuten.

Globaku:
Eine Pfarrei lebt ja überwiegend vom Pfarrer. Machen Sie das alles alleine?

Pfarrer Schießler:
Nein, das ist viel mehr. So viele Ehrenamtliche. Ohne die gäbe es das alles nicht. Deren Kraft, Zeit und Idealismus halten eine Pfarrei am Leben. Das alles schafft Atmosphäre. Atmosphäre kann man nicht alleine schaffen. Es sei denn, ich bin auf einem Planeten allein. So wie Adam und Eva. Wenn die Eva den Adam fragt. „Liebst Du mich?“ Und der dann antwortet: „Hab ich eine Alternative?“ Aber hier ist das ja anders. Eines tut mir allerdings weh: Das Rosenkranzgebet stirbt aus. Es gibt nur noch einige ältere Menschen, die ihn beten, und die sterben allmählich aus. Damit können die Jungen nichts anfangen. Während einer Wallfahrt neulich, da hab ich den Rosenkranz mit Jugendlichen gebetet. Man muß hier ganz von vorne anfangen und ihnen die Gesetze und Abfolgen erklären.
Ja, und noch eines: Ich bin ja ein ziemlich liberales (und jetzt wirds bayrisch) Viech, und wenn wir beten, dann beten wir auch für die Verstorbenen. Und zwar für alle. Das heißt zwingend, daß ich auch alle, die das wollen, beerdige. Ob der nun ausgetreten ist oder nicht. Ich kann nicht für alle Verstorbenen beten, sie aber nicht beerdigen wollen, nur weil sie ausgetreten sind. Sie sind doch dann getauft. Das geht nicht!


Globaku:
Immer mehr Menschen wünschen sich eine anonyme Grabstätte, z.B. unter einem Baum

Pfarrer Schießler:
Ich respektiere das alles. Aber für mich ist das anders. So, wie neulich ein Besucher mir sagte, wenn er an das Grab geht, dann kann er dort Zwiesprache halten. Dann hat er einen Raum. Einen Raum für sich und den Verstorbenen. So möchte ich das für mich auch einmal haben.

Globaku:
Sie können großartig reden.

Pfarrer Schießler:
Das sagt man mir immer wieder.

Globaku:
Das ist eine Gabe.

Pfarrer Schießler:
Ja.

Globaku:
Sie haben sicher auch im Gottesdienst mal eine Vertretung. Ist die Kirche dann auch so voll?

Pfarrer Schießler:
Ach, als einmal ein älterer Kollege gepredigt hat, da las der von einem Zettel ab. Da dachte ich: Du hast doch schon eine Geschichte in Deinem Leben. Erzähl doch davon! Sieh uns in die Augen, dann siehst Du, daß wir Dich lieben! Und erzähl Du uns, daß Du uns liebst! Stattdessen liest er von einem Zettel ab! Aber vielleicht ist es die Angst vor der Unmittelbarkeit. Und ich bin unmittelbar. Und deshalb habe ich einen Riesenzulauf. Die Leute lieben es, wie ich spreche. .

Globaku:
Müssen Sie nicht mal zu sich kommen, Zeit für sich haben?

Pfarrer Schießler:
Nein, ich bin so. Das bin alles ich. Ich arbeite 14-16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das bin alles ich. Vielleicht hab ich das auch von meinem Vater. Er hat immer gesagt: Bedenke immer: Du bist auch wer. Und deshalb teile ich aus, kann aber auch einstecken. Und er hat noch etwas gesagt- das war kurz vor seinem Tod: Hab Respekt auch vor den Dummen, denn auch sie haben eine Geschichte.

Globaku:
Eine letzte Frage: Wo auf der Wies´n werden Sie bedienen?

Pfarrer Schießler:
Im Schottenhamel. Gleich vorne rechts, draußen im Garten (der Lohn geht komplett an ein Frauenprojekt an der Elfenbeinküste; Anm.d.Red.)

Und weg ist er. Zu einer Beerdigung.

(Das Interview führte Heide-Marie Emmermann 2010; Foto: Uschi Friesen)
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