"Ich bin einer der wenigen Münchner Pfarrer in München"

Globaku:
Immer mehr Menschen wünschen sich eine anonyme Grabstätte, z.B. unter einem Baum

Pfarrer Schießler:
Ich respektiere das alles. Aber für mich ist das anders. So, wie neulich ein Besucher mir sagte, wenn er an das Grab geht, dann kann er dort Zwiesprache halten. Dann hat er einen Raum. Einen Raum für sich und den Verstorbenen. So möchte ich das für mich auch einmal haben.

Globaku:
Sie können großartig reden.

Pfarrer Schießler:
Das sagt man mir immer wieder.

Globaku:
Das ist eine Gabe.

Pfarrer Schießler:
Ja.

Globaku:
Sie haben sicher auch im Gottesdienst mal eine Vertretung. Ist die Kirche dann auch so voll?

Pfarrer Schießler:
Ach, als einmal ein älterer Kollege gepredigt hat, da las der von einem Zettel ab. Da dachte ich: Du hast doch schon eine Geschichte in Deinem Leben. Erzähl doch davon! Sieh uns in die Augen, dann siehst Du, daß wir Dich lieben! Und erzähl Du uns, daß Du uns liebst! Stattdessen liest er von einem Zettel ab! Aber vielleicht ist es die Angst vor der Unmittelbarkeit. Und ich bin unmittelbar. Und deshalb habe ich einen Riesenzulauf. Die Leute lieben es, wie ich spreche. .

Globaku:
Müssen Sie nicht mal zu sich kommen, Zeit für sich haben?

Pfarrer Schießler:
Nein, ich bin so. Das bin alles ich. Ich arbeite 14-16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das bin alles ich. Vielleicht hab ich das auch von meinem Vater. Er hat immer gesagt: Bedenke immer: Du bist auch wer. Und deshalb teile ich aus, kann aber auch einstecken. Und er hat noch etwas gesagt- das war kurz vor seinem Tod: Hab Respekt auch vor den Dummen, denn auch sie haben eine Geschichte.

Globaku:
Eine letzte Frage: Wo auf der Wies´n werden Sie bedienen?

Pfarrer Schießler:
Im Schottenhamel. Gleich vorne rechts, draußen im Garten (der Lohn geht komplett an ein Frauenprojekt an der Elfenbeinküste; Anm.d.Red.)

Und weg ist er. Zu einer Beerdigung.

(Das Interview führte Heide-Marie Emmermann 2010; Foto: Uschi Friesen)
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