Das Wichtigste steht zwischen den Noten


Und der Megastar unter den Dirigenten - Karajan? Den sieht Peter Stangel differenziert: „Ich finde seinen Bruckner und seinen Richard Strauss hervorragend. Seinen Beethoven – je nachdem. Aber sein Mozart ist unerträglich, weil halt schon Zuckerwasser mit dem breiten Pinsel aufgetragen wird. Er war aber ein großer Könner. Ich kenne z.B. keinen besseren Falstaff als den von Karajan. Man könnte sagen, bei der Musik zwischen 1800 und 1900 ist er gut. Bei neueren Sachen ist er mir zu weich.“

Neben regelmäßigen, intensiven Proben und den Aufführungen braucht es ständiges Lernen, Quellenstudium und Denkarbeit abseits der Orchesterarbeit. Und eine gute körperliche Kondition: Bei einem Konzert verliert der Dirigent schon mal zwei bis drei Liter Wasser. Wie schafft man es dann - zumal als bekennender Nichtsportler - eine Mammutoper wie die Walküre mit ca. dreieinhalb Stunden reiner Dirigierzeit durchzustehen? Der Fachmann gibt Entwarnung: „Die Walküre ist fast noch gut machbar. Denn bei Wagner ist es eine Musik die sich gut von selbst trägt. Aber so richtig anstrengend ist z.B. Otello mit seinen Chören: Die muß man so weit oben dirigieren, daß Du beim zweiten Akt nicht mehr weißt, wie Du die Hände heben sollst. Und der Otello ist außerdem recht laut und schnell. Wagner ist für Dirigenten viel bequemer als man denkt, denn das Tempo fließt. Ich glaube, in der ganzen Götterdämmerung gibt es vier Fermaten (Tempowechsel); das hat man in der Fledermaus auf drei Partiturseiten. Und bei den Tempoänderungen braucht es den Dirigenten nun mal, das ist anstrengend.„

Was macht ein Musiker mit Leib und Seele zum Ausgleich? „Im Café sitzen, Leute beobachten, und ich lese sehr viel aus allen möglichen Gebieten: Fachbücher, Sachbücher, Belletristik, Populärwissenschaft, Hirnforschung, Soziologie. Auch Fernsehen, ins Kino gehen, Zeit mit meiner Freundin verbringen.“ Eine Alternative zum Musikerberuf gab es für Peter Stangel nie wirklich, auch wenn er sich ein- oder zweimal über Alternativen Gedanken gemacht hat: Schreiben, Journalismus, Psychologie, Soziologie. Aber „ich bin bei der Musik geblieben, weil ich spürte, daß es einfach raus muß. Vor allem habe ich jetzt dieses wunderbare Instrument der Taschenphilharmonie. Das ist einzigartig, das gibt es auf der ganzen Welt so nicht noch einmal.“

Die taschenphilharmonie ist mittlerweile bundesweit bekannt; das Ensemble wird immer besser, obgleich die Musiker für ihre harte Arbeit nicht gerade fürstlich entlohnt werden: „An dieser Stelle einen Dank an meine Musiker, daß sie zu diesen Konditionen alles mitmachen! Ich habe auch noch nie mit einem Orchester gearbeitet, bei dem es so eine super Stimmung gab.“

Vielleicht gründet sich das Engagement der Musiker der taschenphilharmonie auch darin, daß sie hier noch „richtig echte“ Musik machen können? Bei kleiner Besetzung kommt es auf jedes Instrument, auf jeden Ton an; jeder Musiker wird als Individuum wahrgenommen und nicht als anonymer Bestandteil eines Klangkörpers, wie es bei den großen Orchestern der Fall ist. Peter Stangel stimmt dem zu: „Sie wissen, daß es auf jeden Einzelnen ankommt, weil jeder einzelne Ton fehlen würde. Sie wissen, daß ich nie den Zampano markieren werde, damit ich gut ausschaue, sondern bestimmte Sachen deshalb will, damit es insgesamt besser klingt. Und sie wissen: Ich werde bei der Musik selbst keine Kompromisse machen.“

Peter Stangel moderiert jedes Konzert. Das ist ungewöhnlich und hebt sich vom klassischen Konzertbetrieb ab. Die taschenphilharmonie scheint mit dieser Darbietungsform eine Nische gefunden zu haben, die ankommt: „Alle reden ja vom 'neuen Publikum'. Nach einer Umfrage, die wir mal initiierten, haben wir dieses offenbar: 50 % unserer Besucher sind jünger als 60 - im Erwachsenenkonzert. Das ist der Hammer, in der Philharmonie sind das vielleicht 20%!“ Auch in anderer Hinsicht unterscheidet sich die Zusammensetzung der gängigen Konzertbesucher: In Zusammenarbeit mit einer Initiative für arme Menschen werden Tickets verschenkt und immer ist eine Gruppe von alten, aidskranken Menschen zum Sonderpreis in den Konzerten. Das handhabt Peter Stangel bei der taschenphilharmonie generell so - und redet nicht groß darüber.

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