Das Wichtigste steht zwischen den Noten



Wobei eine kleine Besetzung nicht mit jeder Musik durchführbar ist: „Ich würde z.B. keine Bruckner-Symphonie aufführen. Das funktioniert nicht, denn sie ist für den Klang komponiert - das kann man nicht mit sechs Streichern. Das Werk ist vom Komponisten so angelegt und von einer ganz anderen Klanglichkeit. Man muß also schon genau heraussuchen, was geht.

Peter Stangel geht es um die Essenz eines Musikstückes. Aber woher weiß ich als Dirigent, was die Essenz bei einem bestimmten Werk ist? „Ich glaube, Musik verstehen ist eine Begabung. Mahler sagte, das Wichtigste steht zwischen den Noten. Das kann man nicht lernen, aber man muß es natürlich entwickeln. Diese Begabung habe ich offenbar mitgebracht; der Rest sind 30 Jahre Arbeit. Einfach machen, machen, machen und verbessern. Wie Samuel Beckett mal sagte: Scheitere, scheitere wieder, scheitere besser. „

Peter Stangel sucht nicht den „schönen Klang“, sondern den „charakteristischen Ton“, der mit „Werktreue“ übersetzt werden kann. Dies bedeutet die möglichst authentische Umsetzung dessen, was ein Komponist in seinem Musikstück ausdrücken wollte. Aber woher weiß ich als Dirigent, was der Komponist wollte? „Ich kann es nie genau wissen, nur nach bestem Wissen und Gewissen versuchen. Dies bedeutet, alle Quellen zu studieren, die zur Verfügung stehen. Es ist ein Immer-wieder-Infrage-Stellen und eine ständige Neuordnung im Kopf. Die meiste Arbeit passiert im Kopf: Ich lese die Noten und stelle es mir so vor und so oder so. Irgendwann stellt sich ein Gefühl von Stimmigkeit ein. Das ist ein Vorgang, der zwischen Analyse und Bauchgefühl liegt. Ich habe mal bei einer Haydn-Symphonie das Tempo eines Satzes buchstäblich ein halbes Jahr gesucht. Das dauert einfach. Die ganze klassische Musik ist auf ungeheuer lange Zeit angelegt. Wir haben gerade Beethovens Sechste aufgenommen; das Stück kenne ich seit fast 40 Jahren und habe es öfters dirigiert. Und erst nach der Aufnahme habe ich eine bestimmte Stelle verstanden. - Jetzt würde ich sie am liebsten neu aufnehmen!“

Einen Teil dieser Kopfarbeit vermittelt Peter Stangel in seinen Hörakademien: Ein Stück wird auseinandergenommen, ein wenig schneller oder langsamer gespielt – was passiert mit der Musik? Denn in der Partitur steht „schnell“ - aber nicht, wie schnell. Oder es werden die Akzente mehr betont: Was passiert jetzt mit der Musik? Peter Stangel meint, das höre man auch ohne musikalische Ausbildung heraus – und die meistens ausverkauften Hörakademien geben ihm recht.

Welche Interpretation einem dann besser gefällt, lieber langsam oder schneller, ist denn doch Geschmacksfrage? Nicht wirklich, stellt Peter Stangel fest: „Ich entscheide mich ja für bestimmte Lesarten aus guten Gründen. Und es ist schon häufig so, daß die Leute dann auch das Gefühl haben: Ja, das ist jetzt irgendwie am stimmigsten.“

Auf seinem Weg, ein eigenes Profil und einen eigenen Stil zu finden, waren für Peter Stangel neben Begabung, harter Arbeit und Erfahrung auch Vorbilder nicht unwichtig; er nennt Carlos Kleiber, Otto Klemperer, Bruno Walter, Fritz Busch. Und: „Natürlich ist auch Toscanini bei verschiedenen Sachen unübertroffen. Furtwängler dagegen habe ich nie besonders gemocht; das ist nicht meine Welt. Er ist ein Mystiker; alles ist in Rauchschwaden gehüllt - ich habe es mehr mit der Klarheit. Mir geht es darum, Struktur und Gefühl gleichermaßen auszudrücken.“
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