Ein Eisbär watscht einen anderen - so beginnen Karrieren


Seine Aufträge führten Karl Kramer um die halbe Welt, aber: „Du hast hier im Viertel ein schönes, kleines Ladenbüro. Da kannst du eigentlich Fotos machen und mußt nicht das komplette Equipment einpacken, wo hinfahren, aufbauen, die Fotos machen, alles wieder einpacken und heimfahren.“ Und: „Bei Jobs ist die Situation ja immer eine ganz besondere: Du kannst nur das machen, was dort gewünscht ist. Jetzt kann ich fotografieren, was, wen und wie ich will. Die meisten meiner Nachbarn, die schon hier waren und die Kinder wollen immer wieder von mir fotografiert werden, was mir einen Riesenspaß macht.“

Ein Ergebnis war die Ausstellung „Blitz-Porträts“, die von November 2012 bis Januar 2013 in dem Architekturbüro in der Klenzestraße schräg gegenüber von Kramers Domizil gezeigt wurde: Leute aus dem Viertel – ungekünstelt, spontan, mitten in die Gesichter gegriffen. Auch wenn der Verkauf nicht ganz das gewünschte Ergebnis brachte, so war die Ausstellung als langfristige Kundenwerbung erfolgreich, denn „die Leute sehen, was bei mir im Schaufenster hängt und sagen ‚Da drüben habe ich gesehen, da war der Fundgruber im Fenster – das ist ja ein toller Typ! Der schaut ja super aus!’ Eine Frau fand den ganz toll. Sie kam zu mir, weil sie das Foto so schön fand. Zuvor wußten die Leute ja gar nicht, was ich mache.“ In der Tat war bislang von außen am Schaufenster nicht zu erkennen, wer sich hinter dem Vorhang verbirgt: Geraume Zeit prangte ein knallgrünes Plastikkarnickel in der Auslage – und Schmuck von Deva Jewels, dessenthalben Leute in den Laden kamen (bitte an die Tür klopfen!) und nachfragten. Für Karl Kramer eine positive Erfahrung: „Es kommen fremde Leute rein und du kannst dich mit ihnen unterhalten. Das macht Spaß, ist etwas ganz Besonderes, das genieße ich.“

Wie lernt man fotografieren? Karl Kramer ist Autodidakt und der Meinung, daß es vom Handwerkszeug her nur wenige grundlegende Dinge zu beherrschen gilt: „Mit 14 habe ich mir ein kleines Buch gekauft (Das 1 x 1 der Fotografie) mit ungefähr 50 Seiten. Darin werden die Grundlagen über Blende, Belichtungszeit und Filmempfindlichkeit erklärt und mehr gibt es nicht. Und es gibt die Linsen und die daraus resultierenden Tiefenschärfen. Den Rest mußte man damals ausprobieren.“

In der heutigen Digitalfotografie ist das alles einfacher geworden: Man schießt Fotos, kann sofort sehen, ob sie gut geworden sind und wenn nicht, dann sind sie einfach zu löschen. Aber damals fotografierte man mehr oder weniger ins Blaue hinein. Ob die Bilder etwas geworden waren, erfuhr man erst nach der Entwicklung der Negative; man mußte viel mehr austesten und sich zu Lernzwecken bei jedem Foto notieren, welche Blende und Belichtungszeit man verwendete. Das Beherrschen des Handwerkszeugs findet Karl Kramer auch bei der Digitalfotografie wichtig: „Digitalkameras bergen eine Crux: Einerseits sind sie ein großes Geschenk, weil jeder ohne großen Geldaufwand fotografieren kann – man hat fast keine Materialkosten wie früher. Aber bei den Feinheiten geht es halt los: Wenn man immer auf seinem Automatikprogramm bleibt, dann kommt man nicht weiter. Dann schießt man nette Urlaubsfotos, aber halt nicht mehr. Wer wirklich gute Fotos machen will, kommt nach wie vor nicht um das Erlernen der Grundlagen herum.“

Das technische Beherrschen der Kamera allein macht natürlich noch keine guten Fotos. Sonst würde es nicht gefühlten 98 % der Menschen davor grauen, sich fotografieren zu lassen: Kaum jemand gefällt sich auf Fotos – milde ausgedrückt. Daß gut fotografierte Porträts überhaupt nichts mit den allseits bekannten, langweiligen und immer gleich arrangierten 0815-Porträtfotos gemein haben, sah man in der Fotoausstellung „Blitz-Porträts“.
Was macht ein Karl Kramer also anders? „Ich glaube, es gibt bei jedem Mensch einen Moment, wo er mir und vielleicht auch sich selbst nichts vormacht, sondern einfach nur als Mensch da ist. Dann spiegelt er das wider, was in jedem von uns als Seele oder göttlicher Funke schlummert – und dann schaut er auch gut aus. Diesen Punkt zu erreichen, gelingt mir meist recht schnell, weil ich inzwischen weiß, mit welchen Ängsten und Vorbehalten Menschen zum ersten Fototermin kommen.“
Klingt logisch und einfach, setzt aber viel Fingerspitzengefühl und eine Portion Psychologie voraus. Zu unterstützen, daß sich das Fotomodell vor der Kamera entspannt, sich losläßt, sieht Karl Kramer als seine Aufgabe. Und: „Das auch mit meinem Blick zu unterstützen: Ich kann einen Menschen aus einem Winkel anschauen, der für ihn nicht vorteilhaft ist, das unterlasse ich aber. Der goldene Schnitt ist bei jedem Menschen anders. Der eine braucht den Blickwinkel mehr von oben, oder unten, von rechts oder links, mit oder ohne Schatten. Das alles gehört dazu, um das Aussehen eines Menschen zu unterstützen oder ins rechte Licht zu rücken. Du mußt das Fotografieren auf den Menschen ausrichten und nicht nur darauf, was oberflächlich formal gesehen ein korrektes Bild gibt.“ Im Idealfall schaut sich der Betreffende auf seinem Foto an und sagt „So bin ich, so schaue ich aus“, und er gefällt sich.

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