Im Pony-Express zum Gerichtstermin

Und wie es der Teufel will, gab ihm nach dem Examen ein Studienkollege den Tipp, daß Dr. Andreas Grasmüller (verstorben 2005; bekannter Anwalt und Tierschützer) einen Rechtsanwalt suche.
In so einer arrivierten Kanzlei unterzukommen, da rechnete sich Achim Kramm als Anfänger keine großen Chancen aus. Er stellte sich dennoch vor. Als ihn der Kompagnon von Grasmüller fragte, was er bisher gemacht hätte, antwortete Kramm „Musik“. Das schien eine gute Antwort zu sein, denn der Kompagnon meinte: „Ah, das ist gut. Ich war bei den Occamstreet Footwarmers!“ Entscheidend für den Erfolg der Bewerbung war aber etwas anderes, erzählt Kramm: „Ganz zum Schluß meinte er: 'Ich sage Ihnen ehrlich wie es ist: Ich habe zwar weitere Kandidaten, aber das sind Preußen. Und Grasmüller mag nicht, wenn man ihm einen Preußen bringt. Und Sie haben genau den richtigen Slang.' Das war eine sehr weise Entscheidung bzw. ein toller Zufall, denn den Anwaltsberuf möchte ich jetzt nicht mehr missen.“

Musik spielt Achim Kramm seit seiner Schulzeit; das musikalische Engagement brachte ihm eine Ehrenrunde ein. Wobei zu dieser Zeit - Mitte der 60er - Beatmusik zu spielen, ungefähr genau so schlimm war wie koksen. Mit 18 begannen die Auftritte, wobei die erfolgreichste Band der „Pony Express“ (gegründet 1981) war. Während der Disco-Zeit in den 80ern entschied sich die Band, hauptsächlich Countrymusik zu spielen und ein Repertoire aus Schlagern. Der „Pony Express“ hatte bis 1986 sogar Auftritte in Spanien, trat „ewige Male“ in Österreich und in der Schweiz auf und vertrat 1987 Deutschland beim Country Masters in Belgien. Zu der Zeit brachte die Band auch Schallplatten heraus. „So waren wir nach „Truckstop“, mit denen wir auch auftraten, mindestens auf der selben Höhe wie Western Union, also die Nummer zwei oder drei in Deutschland“, meint Kramm mit berechtigtem Stolz.“

Mit dem zunehmenden Erfolg der Band wuchs auch der Streß: In seiner Hochzeit hatte der „Pony Express“ viele Auftritte im Ausland; fast jeden Dienstag spielte die Band in einem Lokal in Zürich: Anfahrt, aufbauen, spielen und in der Nacht wieder zurückfahren. „Du kommst um vier Uhr heim und um acht sollst Du wieder in die Kanzlei gehen.“ 1987 zog Kramm die Reißleine und verabschiedete sich vom „Pony Express.“ Aber ohne Musik ging es einfach nicht: „Ich machte dann aber sofort eine neue Band auf (Tumbleweed), die heute noch existiert. Da ist der Bürgermeister von Seefeld-Hechendorf mit dabei als Sologitarrist, ich normalerweise Schrubber und Sänger. Und mein alter Bassist, mit dem ich seit 1968 zusammenspiele, macht auch mit. Der Keyboarder ist noch dabei. Mittlerweile spielen wir sehr selten, vor allem bei Geburtstagen und besonderen Anlässen.“

1983 kam die erste LP des „Pony Express“ heraus, weitere folgten 1985 und 1987. Besonders begeistert ist Achim Kramm heute noch von dem Auftritt im Matthäser 1987:

„Wir hatten an dem Tag unsere dritte LP herausgebracht und ein riesen Interview beim Thomas Jeier (Bayern 3), bevor es abends mit dem Spielen losging. Abends war u.a. Western Union dabei, eine Rock'n-Roll-Band und zwei Countrybands. Da waren wir die Lokalmatadoren und sind sofort angekommen. Jedes zweite Mädel wollte dich auf einen Drink einladen. So stellt man sich das Paradies vor! Das Gefühl, daß man vor fast 2000 Leuten gut ankommt, war ein Highlight. Und am selben Tag kam auch die LP heraus und das Radio-Interview; den Mitschnitt habe ich heute noch.“
Eine Schallplatte selbst herauszubringen, wenn kein großes Label dahintersteht, war erstens kostspielig und zweitens arbeitsintensiv; die erste Schallplatte finanzierte die Band noch selbst. Heute kann man mit einem 8-Spur-Recorder zuhause eine CD machen, aber damals brauchte man ein Studio mit entsprechendem Equipment. Und man muß GEMA-Mitglied werden und die Songs mit Noten und Texten dort registrieren lassen. An die erste Schallplatte ging die Band noch ziemlich naiv heran, erinnert sich Kramm: „Wir hatten die Aufnahme endlich fertig und ein Spezi, der einen Musikverlag hatte, fragte: 'Habt ihr schon ein Label?' - Hää? 'Wenn ihr kein Label habt, könnt ihr das vergessen. Die Platte könnt ihr vielleicht verkaufen, wenn ihr irgendwo spielt, aber ihr bekommt sie nie in den Rundfunk. Der rechnet nicht mit Musikern ab, sondern nur mit Label!' Wir haben dann seinen Verlag genommen.“


In den 80ern war es für Musiker noch relativ einfach, sich bekannt zu machen. Da gab es einen Tag der offenen Tür beim Bayerischen Rundfunk, wo man zu jedem gehen konnte: Thomas Gottschalk, Julia Edenhofer u.v.a. Man hat seine LP vorgestellt und tatsächlich spielte Julia Edenhofer einen Song vom „Pony Express“ im Radio. Diese Zeiten sind vorbei, weiß Achim Kramm zu berichten: „Eine Bekannte, die früher bei Radio Charivari arbeitete, meinte mal: Die spielen 50 Hits rauf und runter und runter und rauf und haben null Interesse, irgendwann mal einen „Oldcomer“ oder Einheimische zu spielen'.“ Heutzutage braucht man einen Sponsor, eine richtig große Plattenfirma hinter sich, die Werbung betreibt als Voraussetzung, daß Läden CDs überhaupt ins Sortiment aufnehmen. Anderenfalls kann man es nur als Hobby betreiben und vielleicht ein paar CDs als Geschenke herstellen. Da hilft einem auch der Gewinn einer der inflationären Musk-Castingshows der privaten Fernsehsender langfristig nicht.

Für einen Musiker auf Tournee vor allem in ländlichen Gebieten ist auf jeden Fall eine nicht unerhebliche Trinkfestigkeit von Vorteil. Begeisterte Fans versorgen einen schon während des Musizierens regelmäßig mit Nieder- und Hochprozentigem und wer sich da als Abstinenzler geriert, senkt den Stimmungspegel gegen Null. Und nicht selten bittet der Wirt am Ende des Konzerts an die Bar. Mit Rücksicht auf seine Reputation als Anwalt und eines möglichen bösen Briefs von der Anwaltskammer, seien aus Achim Kramms amüsanten Berichten lediglich Stichpunkte genannt: viele Weißbier im Verbund mit doppelten Obstlern im zweistelligen Stückbereich; Bauchlandung in einer Wiese samt einer Brille, die nie wieder gefunden wurde; und bayerische Landpolizisten, die das bayerische „Leben und leben lassen“ hoch hielten und nicht nur ein Auge zudrückten.
Schweizerische Beamte nahmen es in den 80ern da schon genauer, erzählt Achim Kramm: „Wir hatten einen Auftritt am Vierwaldstätter See. Wir kamen zum Zoll und die Beamten fragen, ob wir etwas zu verzollen hätten. Wir hatten ein Carnet (= Formular, das in erster Linie der vorübergehenden abgabenfreien Einfuhr von Gebrauchsgütern im internationalen Handel und in international kultureller Tätigkeit dient), auf das wir unsere Musikinstrumente angegeben und ordnungsgemäß ausgefüllt hatten. Wir mußten den Wagen aufmachen. In einem Koffer hatten wir Platten und Kassetten drin, um sie beim Auftritt zu verkaufen. 'Was, Sie haben Platten und Kassetten? Die müssen Sie verzollen!' Dann sagten sie, die werden beschlagnahmt.“ Gegen eine Gebühr von 370 Schweizer Franken. Auf die Antwort der Band, sie sei hergekommen, um Geld zu verdienen und nicht, um welches auszugeben und sie hätten kein Geld dabei, kam die brüllende Antwort des Zöllners: „Mittellose Ausländer raus!“ Die Band war dermaßen wütend, daß sie das Konzert absagen wollte, letztlich siegte die Professionalität; die Band trat auf, aber nicht ohne Information über die frustrierende Erfahrung beim Schweizer Zoll. Ob der Reaktion der Konzertbesucher ist Kramm heute noch gerührt: „Dann sind die Ersten gekommen und haben für uns gesammelt und sagten: Wir wissen selber, was wir für Arschlöcher als Zöllner haben! Sie haben für uns 200 Franken gesammelt.“

Achim Kramm geht es seit einigen Jahren griabiger an: musikalische Auftritte gibt es nur noch zu besonderen Gelegenheiten und die Kanzlei hat er in seine Wohnung in der Hans-Sachs-Straße verlegt. Der Musiker-Anwalt war immer schon im Viertel integriert: 1955 bis 1973 war er Ministrant in St. Maximilian und Jahre später in der Kirchenverwaltung tätig. Im Rahmen dieses Amtes war er indirekt mit verantwortlich dafür, daß der allseits bekannte Pfarrer Schießler kam. Kramm erzählt: „Der damalige Kirchenpfleger und ich kämpften gegen den seinerzeitigen Pfarrer insofern, als er Mitglied des Neokatechuminats war. Ich nenne es Sekte; sie überholen den Papst rechts. Fundis. Für eine Pfarrei völlig ungeeignet. Sie haben Messen gelesen nach dem Motto: In der Mitte sitzt er und außen rum saßen 12. Da kann man sich ausrechnen, warum. Er wollte die ganze Kirche umbauen und vor der Kommunionbank ein Taufbecken einbauen, in das man rein- und wieder rausgeht. Ein Swimmingpool. Da sind wir Sturm gelaufen und eines Tages kam Schießler.“

Und Kramm ist überzeugter Städter, lebte immer in der Stadtmitte: „Ich habe zwar einen Führerschein, aber kein Auto; ich brauchte nie eines. Und bei der super MVV-Anbindung braucht man kein Auto. Ich habe auch noch andere Wohnungen; Kaufkriterien waren immer: Wo ist der nächste Supermarkt und die Sachen des täglichen Lebens?“
Die Entwicklung unseres Viertels sieht er mit gemischten Gefühlen. Er kannte es noch in Zeiten, da es als „Glasscherbenviertel“ verschrien war, mit vielen kleinen Handwerksbetrieben und Läden. Bei den schicken bis noblen Geschäften, die stattdessen Einzug gehalten haben, fragt vermutlich nicht nur Achim Kramm sich, wer da eigentlich einkauft. Und auch wenn sich der Advokat über die Wertsteigerung seiner 127 qm Wohnung freut: „Man könnte natürlich sagen, das ist super, weil man die Wohnung selber hat. Aber ich finde es trotzdem eine ungesunde Entwicklung. Meine Wohnungen vermiete ich immer noch zu mehr als humanen Preisen. Und eine ist frisch energiesaniert und ich habe nichts von den Kosten auf die Miete umgelegt.“

Justizia mit der Augenbinde hört bei diesen Sätzen noch genauer hin und hofft im Stillen, dies mögen auch andere Vermieter tun...

(Das Interview führte Karin Zick im April 2015)
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